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Positionen mit Prof. Dr. Agnieszka Czejkowska

Rückblick auf die Veranstaltung POSITIONEN mit Prof. Dr. Agnieszka Czejkowska – eine Nachlese

Erziehung nach Auschwitz: Lernen und unterrichten in einer Migrationsgesellschaft

Agnieszka Czejkowska referiert im ersten Teil ihres Vortrages, die von Adorno so benannten „Nervenpunkte“ einer Erziehung nach Auschwitz. Das sind Denkansätze zu menschlicher Autonomie, gefasst als Kraft der Reflexion und Selbstbestimmung. Eine solche Erziehung erfolgt immer im Bewusstsein, dass es Auschwitz wirklich gab. „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. Ich kann nicht verstehen, dass man mit ihr bis heute so wenig sich abgegeben hat. Sie zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug“ (Theodor W. Adorno). Die ernste Einleitung von Adornos Text „Erziehung nach Auschwitz“ ist eine Mahnung, die von ihrer Wirkung und verblüffenden Aktualität bis heute nichts eingebüßt hat.  Erziehung, die im Blick auf Leitbilder gefasst wird, steht einer Sicht auf den Menschen entgegen, der sich autonom, mündig und selbstbewusst konzipieren muss. Blinde Gefolgschaft passt hier nicht. Kant hat dies als die Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit bezeichnet. Wir kennen aber auch alle positiv konnotierte Orientierungen an Anderen, ohne dass wir diesen blindlings folgen würden. Fragwürdig werden Adorno jene Um-Wendungen hin zu einer nicht kontrollierbaren Abhängigkeit von diesen Leitbildern, die in letzter Konsequenz uns „anführen“ wollten. Seine Skepsis gegen Menschenformung, die zur bloßen Gefolgschaft führt kommt hier zum Ausdruck. Ziel seiner Überlegungen einer Erziehung nach Auschwitz wäre ein aufgeklärtes Bewusstsein verwirklichter Demokratie mit mündigen Menschen.

Prof. Dr. Czejkowska, Dr. Schopf (v.l.n.r)
Prof. Dr. Czejkowska, Dr. Schopf (v.l.n.r)

Czejkowska spannt im zweiten Teil ihrer Ausführungen auf Adornos Mahnungen und Zygmund Baumanns retrotopischen Anmerkungen aufbauend den Bogen zu aktuellen Tendenzen, wie die Identitären-Bewegung  oder den Hippster –Djihadismus, die für sie als beunruhigende gesellschaftspolitische Phänomene benannt werden können und auf die jede demokratisch verfasste Gesellschaft eine Antwort versuchen  muss. Mit Adorno formuliert, „manipulative Charaktere“ – nun aber andere - sind auch in unserer Gesellschaft in unterschiedlichsten politischen Kontexten noch immer präsent und gefährlich.

In ihrem dritten Teil macht Czejkowska darauf aufmerksam, dass Erziehung nach Auschwitz auch  Erziehung in einer Migrationsgesellschaft wäre, in der es zu gravierenden Benachteiligungserfahrungen komme.  Verblüffend, aber wenig überraschend, dabei ihr Bericht über eine Recherche von Mecheril und Castro Varela zu den Begriffen „Migration und Sicherheit“ und „Migration und Diskriminierung“. Ende Juli 2009 ergab diese Google-Recherche zu „Migration und Sicherheit“ 1.555.000 Treffer und zu „Migration und Diskriminierung“ 196.000. 2018 wurde diese Recherche wiederholt: Die Begriffe „Migration und Sicherheit“: 3.690.000 und „Migration und Diskriminierung“: 490.000 Treffer. Wie sich zeigen lässt hat der Sicherheitsdiskurs den Diskriminierungsdiskurs fest im Griff. Eine bildungsphilosophische Auseinandersetzung mit diesen paradoxen Bestandteilen des Migrationsdiskurses erscheint für Czejkowska  angesichts der Fluchtbewegungen der letzten Jahre an der Zeit, zumal die Fragen der Diskriminierungserfahrung und ihrer Auswirkungen auf gesellschaftliches Leben weitgehend ausgeblendet werden. Man sollte Adorno lesen.

Heribert Schopf
 

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