Bericht Lehrausgang TIV Bibliotheken 06. Oktober 2014

Bücher aufschlagen! Mit der Faust!

"Altes Buch" in der Universitätsbibliothek Wien

Das Ziel des ersten Teils des Lehrausgangs war die Abteilung „Altes Buch“ der Universitätsbibliothek Wien. Dr. Ortwin Heim zeigte uns die Bestände an Büchern ab 1500 ... 

... darunter Inkunabeln - Bücher aus der Frühzeit des Buchdrucks - deren Wert nicht nur in dem darin gespeicherten Wissen liegt. Einige der alten Bücher stellen auch beträchtliche finanzielle Werte dar, die wertvollsten - wie zum Beispiel die Luther-Bibel - werden jedoch in einem Tresor verwahrt. Bücher unterschiedlichster Formate und mitunter erstaunlicher Dicke, einige davon handkoloriert, stehen auf engstem Raum in endlosen Regalen im Keller der Universität, aufbewahrt in mit Klimaanlagen ausgestatteten Räumen, die die Temperatur konstant halten, damit die teils über 500 Jahre alten Bücher möglichst keinen Schaden nehmen. Ausgestattet mit Handschuhen ist es möglich, die Bücher aufzuschlagen und zu lesen. Dies kann üblicherweise nur vor Ort in einem dafür bestimmten Lesesaal geschehen. Die Bücher auszuleihen, ist nicht möglich, sie verlassen die Bibliotheksräume nur, falls sie in einer Ausstellung gezeigt werden.

Ein Buch aufzuschlagen - das ist eine durchaus gängige Phrase, deren Hintergrund Dr. Heim praktisch mit einem Schlag auf den Einband eines Buches erklärt. Durch diesen Schlag springt nämlich eine Metallschnalle auf, die das Buch zusammenhielt. Das Buch lässt sich dadurch erst öffnen.

Kurz zuvor hatte Dr. Heim ein Kettenbuch präsentiert - eines der libri catenati - das früher durch die am Buch befestigte schwere Kette mit dem Regal oder Tisch verbunden war und den Diebstahl des Buches verhindern sollte. Es lässt sich heute, in einer Zeit, in der man bereits um wenige Euro, mitunter sogar gratis, wenn es um E-Books geht, ein Buch erstehen kann, kaum vorstellen, welch enormer materieller Wert im Mittelalter und auch noch in der frühe Neuzeit mit einem Buch verbunden war. Und welch einen erstaunlichen Fortschritt der Buchdruck darstellte. Hatte in der Vor-Gutenberg-Zeit ein Schreiber mitunter Jahre an der Kopie eines Buches gearbeitet, so gelang es Gutenberg und seinen Mitarbeitern in wenigen Jahren etwa 180 Bibeln herzustellen.

Die Gefahr des Diebstahls gibt es heute noch, besonders wenn es sich um alte Bücher handelt, die mit Kupferstichen illustriert sind. So erzählt Dr. Heim von Fällen, in denen mit Rasierklingen die Illustrationen herausgetrennt und diversen Antiquariaten angeboten wurden.

Geht man durch die engen, unübersichtlichen Gänge, in denen kein Sonnenlicht die Bücher berührt, fällt auf, in welcher Sprachvielfalt sich die Tausenden Bände präsentieren. Natürlich in Deutsch, viele in Latein, Griechisch, Französisch, aber auch Tschechisch, Polnisch und Ungarisch.

Die Regale der Bibliothek sind vollgestellt, die Magazine insgesamt belegt, für jede Bibliothek ist die Platznot ein wesentliches Thema. Auch die Universitätsbibliothek ist dabei, ihre Bestände zu digitalisieren, ein ständiges Vor-Ort-Sein der Bücher wäre im Fall einer Digitalisierung nicht mehr nötig, die Bücher könnten ausgelagert werden und so Platz für andere Bücher geschaffen werden.

Wie die Nationalbibliothek ist auch die Universitätsbibliothek in erster Linie eine Magazinbibliothek. Frei zugängliche Werke, die sofort aus den Regalen genommen werden können, gibt es nur wenige. Die Bücher müssen bestellt werden und können - falls es sich nicht um alte Bücher handelt - vier Wochen lang entlehnt werden. Ein Unterschied zur Nationalbibliothek: Dort können Bücher im Allgemeinen ausschließlich vor Ort gelesen werden.

Die Österreichische Nationalbibliothek

Im zweiten Teil des Lehrausgangs wurden die Student/innen durch den modernen Blbliotheksteil der Österreichischen Nationalbibliothek geführt. Die Nationalbibliothek ist seit dem 17. Jahrhundert verpflichtet, sämtliche in Österreich erscheinenden Bücher, Zeitungen, Zeitschriften und Hochschulschriften zu sammeln (inzwischen beschränkt sich Letzteres auf Dissertationen). Die Magazine der ONB werden bald gefüllt sein, ein neuer Tiefspeicher ist in Planung, ob er tatsächlich gebaut wird, ist noch nicht entschieden. Umso wichtiger ist für die ONB daher das Projekt der Digitalisierung, das in Zusamenarbeit mit Google stattfindet. Neben Büchern digitalisiert die ONB allerdings auch den alten Zeitungsbestand, der unter dem Namen ANNO (AustriaN Newspaper Online) im Internet eingesehen werden kann. 600.000 Bücher bis 1875 wurden bereits digitalisiert. ANNO selbst umfasst derzeit 13 Millionen Seiten, die Erfassung der Bestände wird 2014 bis zum Jahr 1900 voranschreiten und 2015 komplett sein. Die älteste im digitalen Lesesaal einsehbare Zeitung ist die sogenannte „Fugger-Zeitung“ aus dem Jahr 1568. Die Kaufmannsfamilie Fugger hatte Berichte aus ihren internationalen Niederlassungen gesammelt und sich so über das Geschehen informiert. Da diese handgeschrieben sind, ist es nicht möglich, die durch OCR hergestellte Version in Druckbuchstaben online lesen zu können.

Die älteste immer noch erscheinende Tageszeitung, die „Wiener Zeitung“, ist natürlich auch online lesbar. Aus urheberrechtlichen Gründen werden die Zeitungen aber nur bis zum Jahrgang 1943 der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Was die Datenverwaltung betrifft, so ist das System der ONB natürlich auch eine gigantische Suchmaschine, die es erlaubt, nach Personen, Jahren, Stichwörtern und Buchtiteln zu suchen. Darüber hinaus ist die ONB online mit 4000 Datenbanken verknüpft. die es ermöglichen, die Suche nach Fachgebieten auch international auszudehnen. Die Daten, mit denen die ONB arbeitet,  werden entweder im Bundesrechezentrum gespeichert oder in lokalen Speichern im Haus (die Daten für ANNO und für die Zusammenarbeit mit Google).

Fast 400 Mitarbeiter/innen sorgen für einen reibungslosen Ablauf in der ONB, etwa die Hälfte davon ist Vollzeit beschäftigt. Die ONB ist jeden Tag geöffnet mit Ausnahme einer Woche im Sommer, Aushebungen werden jedoch nur Montag bis Freitag getätigt und müssen daher vorher bestellt werden, wenn man die Bücher samstags oder sonntags lesen möchte. Eine Jahreskarte ist bereits um 10 Euro erhältlich.

Die moderne Bibliothek bietet mit ihrem enormen Wissensangebot ein unglaubliches Lern- und Forschungspotential für alle Studierenden und Lehrenden. Ergänzt wird die riesige Sammlung an Texten durch Zugriffsmöglichkeit auf das Bildarchiv Austria und das Plakatarchiv Austria. Schüler und Schülerinnen sollten generell mit den Möglichkeiten der modernen Bibliothek vetraut gemacht werden, nicht nur um die Schüler und Schülerinnen mit Recherchemöglichkeiten vertraut zu machen, sondern auch, um Interesse an Büchern und ihrer thematisch fast grenzenlosen Vielfalt zu wecken.

 

Daten zum Lehrausgang

Datum: 6. Oktober 2014, 08:00 - 13:00 Uhr
Lehrveranstaltung: „Betriebliche Kommunikation“ (BL3T1FFWS, im Rahmen von TIV)
Lehrveranstaltungsleiter: Dr. Jürgen Neckam
Anzahl der Teilnehmer und Teilnehmerinnen: 12

Bericht und Fotos: Dr. Jürgen Neckam

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