Fachwissenschaftstag 2016

Am 19. Mai 2016 fand im Robert Petz-Saal der Pädagogischen Hochschule Wien der 6. Fachwissenschaftstag des Instituts für Berufsbildung statt.

Das Motto des diesjährigen Fachwissenschaftstags lautete: „Kenntnisse, Fähigkeiten, Einstellungen. Kompetenzorientierung in der Berufspädagogik“.

Grabner: Die österreichische Bildungslandschaft

Prof. Gertrude Grabner, MA, Leiterin des Instituts für Berufsbildung an der PH Wien, sprach in ihrer Eröffnung des Fachwissenschaftstags 2016 über die neuesten Zahlen und Erkenntnisse in Bezug auf die österreichische Bildungslandschaft, basierend auf den aktuellen Erhebungen der Statistik Austria. Dabei wies Grabner darauf hin, dass für 35% der österreichischen Bevölkerung die Lehre der höchste Bildungsabschluss ist. Ein Anteil, der jedoch kontinuierlich sinkt, ebenso wie bei der BMS. Entgegengesetzt dazu steigt die Anzahl der Hochschul- und Universitätsabschlüsse kontinuierlich, zwischen 2008 und 2013 sogar um ein Viertel. Österreich besitzt derzeit etwa 616.000 Hochschul- oder Universitätsabsolventen und -absolventinnen.

Was die Lehre als höchsten Abschluss betrifft, so ist diese bei Männern weitaus häufiger als bei Frauen anzutreffen (43% zu 27%). Es gibt auch Altersfaktoren, die eine Rolle spielen: Bei den  45-49jährigen ist die Lehre am stärksten vertreten, deutlich häufiger als etwa bei der Generation der 25-29jährigen (37% zu 29%).

Interessant ist der umstrittene Einfluss der Sprache auf den Schulerfolg. Man sollte annehmen, dass diejenigen, die Deutsch nicht als Muttersprache haben, einen geringeren Schulerfolg aufweisen. Tastsache ist aber, dass der Anteil unter Nicht-Deutsch-Muttersprachlern, die von der AHS-Unterstufe in die AHS-Oberstufe wechseln, sogar höher ist als derjenige an Deutsch-Muttersprachlern (63% zu 61%). Allerdings wechseln von den Muttersprachlern prozentuell betrachtet deutlich mehr Schüler und Schülerinnen von der AHS-Unterstufe in die BHS. Das Problem der Muttersprache muss also durchaus differenziert betrachtet werden.

Dass Bildung keine Garantie für Erfolg im Leben ist, aber eine Art Versicherung für eine Anstellung, ist offensichtlich. Vergleicht man die Gruppe der 25-34jährigen ohne weiterführenden Schulabschluss und die gleichalte Gruppe der Akademiker und Akademikerinnen in Bezug auf Arbeitslosigkeit, so beträgt die Rate der arbeitslosen Akademiker und Akademikerinnen um 17 Prozentpunkte weniger als in der Gruppe ohne weiteren Schulabschluss (20% zu 3%).

Harrauer: Kompetenzorientierung in der Berufspädagogik

Fachwissenschaftstagorganisator Ing. OStR Prof. Eduard Harrauer begann seine Präsentation mit dem Vorschlag, den Fachwissenschaftstag auf zwei Tage auszudehnen und verstärkt für Vortragende von außerhalb der PH Wien zu öffnen. Bei seinem Rückblick auf die vergangenen Fachwissenschaftstage stellte er die damaligen Hauptthemen vor: Innovation, Motivation, der Zauberlehrling (Übung macht den Meister?),  Handwerk hat goldenen Boden (oder nicht?) …  Das diesjährige Motto „Kompetenzorientierung in der Berufspädagogik“ entstand aufgrund der Überlegung, dass heutige Lehrkräfte nicht mehr ihren bisherigen Unterricht über Jahre oder Jahrzehnte hinweg wie gewohnt durchziehen können, sondern sich auch den Anforderungen des aktuellen Lebens stellen und dahingehend ihren Unterricht umstellen müssen.

Harrauer begann den Hauptteil seines Vortrags mit der Vorstellung einer Erfindung gemäß des Gedankens, dass erst die Idee kommt – der Rest ist nicht Schweigen wie bei Shakespeare, sondern: Arbeit. Harrauer wies auf eine österreichische Erfindung hin, mit deren Hilfe Gase in Flüssigkeiten gemessen werden können (was ein großes Problem z. B. bei der Herstellung von Bier darstellt). Leider zieht diese wunderbare Erfindung Probleme nach sich: Es fehlt in Österreich an entsprechendem Fachpersonal, es mangelt an Nachwuchs. Die Arbeitslosigkeit steigt insbesondere bei der jüngeren Generation: Es existiert ein Sockelbetrag von etwa 10% an Jugendarbeitslosigkeit. [1]Die Förderung besteht in der Fachausbildung. Es müssen Konzepte entwickelt werden, dass alle Jugendlichen, auch diejenigen, die neu in Österreich sind, in das Schul- und Ausbildungssystem eingebunden werden.

Was die Schule betrifft, plädiert Harrauer dafür, dass Schule auch wieder eine entscheidende Fähigkeit vermitteln soll: die Fähigkeit des Nachdenkens. Gleichzeitig muss Lernen interessieren, tut es das, wird es zu Kompetenzen führen, aufgrund deren wir Tätigkeiten ausüben können, die uns zufrieden machen.

„Schule“ hat für Harrauer zahlreiche Bedeutungsebenen:

  • Schule gibt die Möglichkeit, Freundschaften schließen zu können und sich geborgen zu fühlen.
  • Schule bedeutet, Kulturen kennen zu lernen und so die Welt zu entdecken.
  • Schule bedeutet lachen, weinen, fröhlich sein, sich ärgern.
  • Schule bedeutet, Ziele zu erreichen.
  • Schule ist der Werdegang und die Anerkennung unserer Jugend.
  • Schule bedeutet Aufklärung und eine humanistische Grundhaltung einnehmen zu können.
  • Schule bedeutet Zukunft.

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Dr. Thomas Stern (IUS-AAU Klagenfurt-Wien):  Wege zu einer förderlichen Prüfungskultur

Leistungsbewertung ist eine mitunter unerquickliche Sache, die Frage ist, wie kann Leistungsbewertung zu einem Motor gemacht werden, der das Lernen fördert? Das Dilemma der Leistungsbewertung besteht zwischen Lernförderung und „Aussieben“, also Selektion.
Wofür gibt es überhaupt Prüfungen? Prüfungen sind Grundlagen der Leistungsbewertung. Leistungsbewertung kann mehrere Funktionen haben:

  • Als Rückmeldung für Schüler und Schülerinnen
  • Als Rückmeldungen für Lehrpersonen
  • Die Prüfung als Lernsituation: kann ich mich konzentrieren, in Stress bewähren, etwas überspielen …?
  • Auslese
  • Disziplinierung: Schüler erwarten zu einem beträchtlichen Teil, dass ihr negatives Verhalten durchaus Auswirkungen auf die Prüfung haben kann.
  • Rechenschaftsbelegung: z. B. PISA, wo ganze Bildungssysteme anhand einer Prüfung bewertet werden.

Leistungsbewertung kann durchaus kontraproduktiv sein und das Lernen behindern. Endprüfungen fördern auch unliebsame Effekte: Anstrengung und Risiken werden vermieden; es gibt eine geringere intrinsische Motivation; sie fördern den Versuch zu erraten, was zum Test kommen wird; sie können Angst vor dem Versagen und ein geringeres Selbstwertgefühl hervorrufen.

„Inside the Black Box. Raising Standards Through Classroom Assessment“ von 1998 ist eine Studie von Dylan William und Paul Black, in der 580 Studien zusammen gefasst werden und die zeigt, wie Leistungsbewertung das Lernen fördern kann. Lerndiagnose und kontinuierliches Feedback führen zu höherer Motivation, mehr Freude und besseren Erfolgen beim Lernen. Insbesondere dann, wenn auch Partner- und Selbsteinschätzung einbezogen wird. (Web-Tipp: Assessment for Learning).

Wir unterscheiden in summative und formative Leistungsbewertung: Die summative Bewertung ist endgültig, ergebnisorientiert und neutral, Fehler sind unerwünscht. Die formative Bewertung beurteilt den Schüler nicht, sondern zeigt, wo ein Schüler steht, sie ist daher diagnostisch. Das Lernen soll verbessert werden, es soll daher Förderungsmaßnahmen zur Folge haben. Das tut die summative Bewertung nicht, sie dient zur Selektion. Natürlich führt dies zu einem Dilemma, in dem die Lehrperson sich ständig bewegt, was auch damit zu tun hat, dass es ausgerechnet die Schule ist, die anhand von Noten durchaus über Lebenswege zumindest mitentscheidet.

Gibt es Auswege aus diesem Dilemma? Schülerleistungen können auf drei Arten hin gemessen werden. A) Nach der Sozionorm, was bedeutet, dass Vergleiche unter den Schülern und Schülerinnen gemacht werden. Für die meisten Schüler und Schülerinnen vermittelt dies ein Gefühl der Gerechtigkeit und ist auch positiv, weil die meisten bei Tests ja auch positiv abschneiden. B) Die Kriterialnorm misst die Lernzielerwartungen und gibt daher durchaus auch negatives Feedback, Schüler und Schülerinnen mit negativen Noten erhalten die Bestätigung „schlecht“ zu sein. C) Die Individualnorm misst meinen Leistungsfortschritt im Vergleich zu einem früheren Zeitpunkt und fällt daher fast immer positiv aus. Allerdings ist diese Messung nur bedingt aussagekräftig, weil sie auf den Vergleich zu anderen Schülern und Schülerinnen verzichtet und auch, weil ein großer Fortschritt noch nicht bedeutet, dass ein bestimmtes gefordertes Niveau erreicht worden ist. Allerdings ist die Individualnorm das einzige Kriterium, das leistungsförderlich ist.

Es gibt 5 Methoden der förderlichen Leistungsbewertung:

  • Die formative Lerndiagnose („mid-time“, gibt Feedback und führt zu Förderangeboten.
  • Methodenvielfalt in Bezug auf Aufgabenstellungen, z. b. Wahlmöglichkeit bei Prüfungsfragen, Schularbeiten in vielfältigen Formaten.
  • Kompetenzorientierung
  • Respekt, Anerkennung, Ermutigung – z. B. durch eine „Schatzsuche“ statt einer „Fehlerfahndung“. Die Schüler und Schülerinnen könnten sich auch gegenseitig kontrollieren und nach dem „Two stars and a wish“-Prinzip bewerten: zwei positive Punkte werden angeführt, ein Wunsch in Bezug auf einen Leistungsmangel darf geäußert werden.
  • Selbsteinschätzung – diese könnte z. B. durch ein Lernjournal gefördert werden, in welchem folgende Fragen beantwortet werden: Was war interessant für mich? Was habe ich dazu gelernt? Was fand ich überflüssig? Wofür sollten wir uns mehr Zeit nehmen?

Die Vorteile und Chancen einer kompetenzorientierten Leistungsüberprüfung liegen bei folgenden Punkten:

Der Fokus wird auf das Können gerichtet, nicht nur auf das Wissen (Merkwissen ist auch erst die unterste Stufe der Bloomschen Lernzieltaxonomie).

Wesentlich ist das Outcome, also die Lernergebnisse, statt des Inputs, der nichts mehr als Teil eines Wissenskatalogs darstellt.

Darüber hinaus ist eine Vergleichbarkeit durch standardisierte Testinstrumente gesichert und Kompetenzmodelle (PISA, ESP, Standards …) dienen als Anregung für den Unterricht.

Allerdings wirft die kompetenzorienterte Leistungsüberprüfung auch Probleme auf:

Zunächst ist allen Kompetenzmodellen Uneindeutigkeit und Unvollständigkeit eigen.

Es gibt grundsätzliche Schwierigkeiten beim Messen komplexer Konstrukte.

Es ist immer noch unklar, wie man Einstellungen und Halten (also auch soziale Kompetenzen) berücksichtigen kann.

Und natürlich beschränken sich die wahrgenommenen Lernergebnisse auf das, was durch die Testinstrumente festgestellt wird.

Dies führt zur Frage, was eine faire Leistungsbewertung überhaupt ist? Faire Leistungsbewertung, so Stern, macht deutlich, was wichtig ist. Sie fördert das Lernen, trägt zur Chancengerechtigkeit bei, ist schlüssig, gleichzeitig ein offener Prozess und ist kohärent und auf langfristige Bildungsziele angestimmt.

Fachausstellungen

Nach der Diskussion zu Stern Vortrag und einer Mittagspause wurden die Fachausstellungen eröffnet. Zahlreiche Studenten- und Studentinnengruppen stellten fachwissenschaftliche Erkenntnisse aus ihren Arbeitsgebieten anschaulich und mitunter wohlschmeckend vor: Fenster, die sich schließen, wenn der Wind geht; durch Elektromagnete tanzende Figuren; die Kunst des Striezelflechtens; die Geheimnisse des Uhrmachens; die Präzision des Fräsens; Sgraffito; Vermessung bei Bahnarbeiten; vegane Zahnpaste; Kommunikationsfähigkeiten; Smoothies; Kleidungsstücke; der Handel im Wandel und andere Themen wurden neugierweckend präsentiert.   

 

 

Web-Tipps:

„Förderliche Leistungsbewertung“ von Dr. Stern

Vortrag und Interview mit Dr. Stern

 

Fotos und Bericht: Dr. Jürgen Neckam


[1]10,9% im März 2016. Quelle: http://www.ams.at/_docs/001_uebersicht_aktuell.pdf, 19.05.2016

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